|
Der Berg birgt viele Geschichten
Es schneit und schneit an den ersten Tagen, nachdem Anna Ausserer, die erste Bergschreiberin vom Hochzillertal, am 10. Dezember Position bezogen hat. Frischer Powder ohne Ende bedeckt die Pisten. Zehn Tage lang begibt sie sich im Skigebiet auf die Suche nach Geschichten, die der Berg zu bieten hat.
Schnee rieselt nicht immer leise. Mitunter pfeift er vom Sturm getrieben schier aus allen Richtungen um die Ecken der Skihütten und Lifthäuschen. Am Berg, ganz den Elementen ausgesetzt, ist das immer wieder ein beeindruckendes Erlebnis. Ganz besonders, wenn man sich, noch bevor sich die Kälte völlig durch Mark und Bein gefressen hat, in eine kuschelig warme Hütte zurückziehen und die Hände an einem heißen Getränk wärmen kann.
Dort, am offenen Kamin, oder in ihrem Zimmer, mit Blick auf die schneebedeckten Hänge, greift die Bergschreiberin dann zum Stift - oder vielmehr zum Laptop - um die erlebten Geschichten festzuhalten und mit anderen zu teilen. Manche können unmittelbar im Internet, andere später in ihrem Buch nachgelesen werden.
Und der Berg birgt viele Geschichten. Auch jenseits von Postkartenidylle und grenzenlosem Skispaß. Die Bedingungen – ob Sonnenschein oder Schneesturm - nimmt Anna Ausserer gelassen zur Kenntnis, schließlich ist die Wahl-Hamburgerin im Montafon geboren und aufgewachsen und kennt sich daher aus mit den Bergen.
Sturm und heftiger Schneefall, da heißt es für Mitglieder der Lawinenkommission auch am Sonntag frühmorgens aus dem Bett kriechen, damit die Skifahrer möglichst sicher über die Hänge wedeln können. Bergführer Stefan Wierer ist an diesem Tag für diese Aufgabe zuständig. Er nimmt Anna Ausserer mit auf seine Tour. Die beiden halten Ausschau nach Lawinen, beurteilen die Schneesituation, machen sich ein Bild von der aktuellen Lage. Schließlich ist Schnee nicht gleich Schnee.
Ein Skigebiet ist ein komplexer Großbetrieb, der nur funktioniert, wenn alle Zahnrädchen einwandfrei ineinander greifen. Die Bergschreiberin will die Menschen hinter diesem System kennenlernen, lugt in Töpfe, plaudert mit Köchen in den betriebssamen Küchen der Skihütten, lauscht den Geschichten der Liftbediensteten, lässt sich von Olympiasieger Stephan Eberharter auf die Pisten begleiten und testet die Wasserbetten in den Iglu-Suiten. Als nächstes steht die nächtliche Pistenpräparierung samt Fahrt mit der Pistenraupe auf dem Plan.
Fasziniert ist Anna Ausserer von den zwei ganz unterschiedlichen Welten, die der Berg zu bieten hat. Während des Tages herrscht fröhlicher Betrieb, mitunter auch Hektik, wenn die Skifahrer mit von der frischen Luft geröteten Wangen zum Mittagessen in die Hütten strömen. Für die meisten Gäste klingt der Skitag im Tal aus. Nur wenige Menschen bleiben am Berg zurück und mit der Dämmerung legt sich Stille über das Skigebiet.
Es ist schon spät, wenn sich die Bergschreiberin nach einem ausgefüllten Tag in ihr Bett hoch oben am Berg kuschelt, das Licht ausschaltet, einen letzten Blick in den Sternenhimmel wirft und die Augen schließt. Es warten noch weitere spannende Tage und Geschichten.
Text: Julia Hitthaler
|